KRIEG - RELIGION - FREIHEIT
DER 30 JÄHRIGE KRIEG
Von 1618 bis 1648 wütete der Dreißigjährige Krieg mit Hunger, Krankheit und der Zerstörung des kleinen beschaulichen Dorfes Neuenbürg. Der Dreißigjährige Krieg begann als Religionskrieg und endete als Territorialkrieg um Macht und Einfluss im Land. Zu Beginn des Krieges gab es zwei Lager: die Katholische Liga, unterstützt von Kaiser und Papst, und auf der Gegenseite die Protestantische Union, unterstützt von England und den Vereinigten Niederlanden.
Im Verlaufe des Krieges wurde die Kriegsübersicht immer undurchsichtiger; so greift Dänemark für die Protestanten, Wallenstein für die Katholiken in das Gemetzel mit ein; hernach wüten die Schweden für die Protestanten, und da Wallenstein wieder für die Katholiken kämpft, schickt Frankreich unter Kardinal Richelieu seine katholischen Truppen, die aber für die Protestanten kämpfen, aufs Schlachtfeld, denn ihm ging es nicht um Religion, sondern um die Machtverhältnisse in Europa. Nun trat der Krieg in seine schlimmste Phase und brachte der Bevölkerung Tod, Leid und Verderben. Die Kriegssöldner brauchten Nahrung und Obdach auch über die Wintermonate hinweg und so drangsalierten, mordeten, vergewaltigten und brandschatzten sie ohne Rücksicht auf Verluste.
Sie nahmen alles Essbare, hausten in den Häusern der Bevölkerung und schlugen alles kurz und klein. Die verarmte, verängstigte Landbevölkerung, so auch in Neuenbürg, versuchte, Leib und Leben über diese schwere Zeit zu retten. Der Krieg jedoch ließ eine Schneise der Verwüstung mit Zerstörung, Hunger, Tod und tiefer Armut zurück. 1621 plünderten mannsfeldische Scharen und in den folgenden Jahren die Heere Tillys in Neuenbürg und zerstörten, verwüsteten und brandschatzten Burg und Dorf.
Die Hauptschreckenszeit kam jedoch erst in den Jahren 1634 bis 1638, wo der Ort gleich Flehingen ganz hinweggefegt wurde. Neben den armseligen Hütten der Dorfbewohner brannte auch das Langhaus der Kirche vollständig aus. Die sich zwischen Neuenbürg und Oberöwisheim befindende Hungergasse ist ein weiterer Beleg für die Armut und Hilflosigkeit der damaligen Bevölkerung.
Schlussendlich beendete der Westfälische Friede – Pax Westphalica – am Samstag, den 24. Oktober 1648, diesen auch für Neuenbürg so schlimmen, verlustreichen und zerstörerischen Krieg. Die Burg und das Dorf mit seinen ohnehin schon ärmlichen Häusern lagen bis auf den Turm und die Choranlage in Schutt und Asche. Neuenbürg hatte nur noch 15 Einwohner, und die bäuerlichen Strukturen, Vieh und Gerätschaft zum Bestellen der Felder waren zerstört.
Nach dem Krieg war der Zuzug aus den eidgenössischen Gebieten ein großer Segen für die entvölkerten Landstriche. Auch aufgrund der Sprach- und Konfessionsgleichheit sowie der verbindenden bäuerlichen und handwerklichen Herkunft stellte die Integration der Zugezogenen kein Problem dar. Die Häuser und Ställungen wurden in Neuenbürg wieder aufgebaut; dazu verwendete man überwiegend die Steine der zerstörten Burg und der zerstörten Häuser selbst, denn dieses Material war einfach zu entnehmen.
DAS ERLÖSCHEN DERER VON REMCHINGEN UND DERER VON EBERSTEIN
Kaum war der Dreißigjährige Krieg vorbei, da braute sich auch schon das nächste Unheil über dem kleinen Ort Neuenbürg zusammen, denn innerhalb von drei Jahren erloschen die männlichen Linien ihrer Ortsherren, derer von Remchingen, und der Ortsgründer und Lehenshalter, derer von Eberstein. Nach dem Erlöschen der männlichen Linien derer von Remchingen 1657 und des letzten Grafen Casimir von Eberstein, der am 22. Dezember 1660 mit nur 21 Jahren in Heidelberg an Pocken verstarb, erzwang Fürstbischof Lothar Friedrich von Speyer 1661 die Huldigung der Untertanen Neuenbürgs.
Neuenbürg, das als männliches sowie Ebersteinsches Lehen gegenüber dem Hochstift Speyer angesehen wurde, fiel somit dem Bischof von Speyer zu, wie es in der Urkunde von 1298 geschrieben ward. Um sich der Gunst der Einwohner sicher zu sein, versprach der Bischof bei seiner Besitzergreifung des Ortes freie Religionsausübung wie in der Augsburger Konfession geschrieben. Allein, er hielt das Versprechen nicht ein. In Rom selbst saß zu jener Zeit Papst Alexander der 7. auf dem Thron Petri. Für Neuenbürg selbst hieß das wiederum, dass der Papst in Rom ihr kirchliches Oberhaupt ist. Im Gegensatz zu ihrer bisherigen Glaubensphilosophie mussten die Neuenbürger Papst Alexander den 7. als ihr geistliches Oberhaupt und Stellvertreter Jesu Christi auf Erden akzeptieren und ihm dementsprechend auch huldigen.
Die am 20. Mai 1661 geborene Tochter des letzten männlichen Eberstein-Grafen, Albertina Sophia Esther von Eberstein, die in Gochsheim das Licht der Welt erblickte und im Glauben protestantisch war, hatte, da es sich um ein männliches Lehen handelte, keinen Anspruch auf das Dorf Neuenbürg, das einst ihre Vorfahren gegründet hatten.
Für Neuenbürg selbst erhob die verwitwete und einzigste Tochter des letzten Neuenbürger Ortspatrons, Ernst Friedrich von Remchingen, die Anna Margareta von Remchingen, Ansprüche auf die herrschaftlichen Güter des Dorfes. In einem Bittbrief an den hochwürdigsten Fürsten bat sie, man möge ihr doch ihre Besitztümer in Neuenbürg belassen. Da Niederschriften belegen, dass im Jahre 1799 der herrschaftliche Besitz versteigert wurde, ist davon auszugehen, dass Anna Margareta von Remchingen ihre Neuenbürger Besitztümer behalten durfte.
DIE RITTERANLAGEN
Neben der herrschaftlichen Burg zu Neuenbürg gab es auch eine dazu gehörende Ritteranlage, die eingebunden in der Kraichgauer Ritterschaft war. Als Ritterkanton Kraichgau wird eine Gemeinschaft ritterlicher Adelsfamilien im Kraichgau bezeichnet, in der auch die Neuenbürger Burgherren, derer von Remchingen, dazugehörten; die Familien standen über Generationen in verwandtschaftlichen Beziehungen und waren bereits seit dem 14. Jahrhundert in der Turniergesellschaft mit dem Zeichen des Esels vereint, später dann in der Bruderschaft des Kraichgauer Adels und ab 1547 im Ritterkanton Kraichgau. Von 1414 bis zumindest 1488 waren die Herren von Remchingen Mitglieder der Turniergesellschaft mit dem Esel. Auf der Fahne der Bruderschaft des Kraichgauer Adels ist ein Esel mit der Prägung „Kreichgäw“ abgebildet.
1662 sind die Ritteranlagen des Dorfes Neuenbürg Gegenstand von Verhandlungen – Collectation – zwischen dem Hochstift Speyer und der Kraichgauer Reichsritterschaft, die an das Ebersteinsche Lehen gebunden sind. In einem Brief aus dem Jahre 1648 wird der hochwohlgeborene und gestrenge Ernst Friedrich von Remchingen zu Neuenbürg sowie der Fürstbischof von Speyer erwähnt. Der Inhalt des handschriftlich verfassten Briefes umfasst die unterschiedlichen Auffassungen seitens der Neuenbürger Ritteranlagen.
Jener Ernst Friedrich von Remchingen war der Sohn des Martin von Remchingen, der Herr auf Weißenstein, der von 1546 bis 1619 gelebt hat. Ernst Friedrichs Mutter war die zweite Gemahlin seines Vaters Martin, nämlich die Edelfrau Apollonia von Andlau, die von 1550 bis 1602 gelebt hat. Ernst Friedrich von Remchingen ehelichte die Anna Maria von Löwenstein, geboren im Jahre 1593. Das Paar hatte eine Tochter, Anna Margareta von Remchingen. Anna Margareta wurde am 22. Januar 1631 in Durlach geboren und verstarb am 10. August des Jahres 1687 in Widdern. In Durlach ehelichte sie am 12. Mai 1649 den Johann Philipp von Zyllenhardt, der von 1626 bis 1661 lebte. Auch wenn Ernst Friedrich von Remchingen niemals in Neuenbürg wohnte, so hatte er doch die Ortsherrschaft des Dorfes Neuenbürg inne. Es ist davon auszugehen, dass Ernst Friedrich von Remchingen und seine Ehefrau Anna Maria von Remchingen, geborene von Löwenstein, das letzte Herrscherpaar Neuenbürgs war, da im Mannesstamme keine Nachkommen, nur die Tochter Anna Margareta Zyllenhardt, geborene von Remchingen, genannt wird.
KONFESSIONSSTREIT
Im Jahre 1705 war die Bevölkerung Neuenbürgs noch immer überwiegend evangelisch, da sich die Mehrheit der Neuenbürger schlichtweg weigerte, den katholischen Glauben anzunehmen. Johann Hugo von Orsbeck, 75. Bischof von Speyer, betrieb daraufhin systematisch die Rekatholisierung entgegen den von ihm zugesagten Vereinbarungen1. Ob allerdings der Bischof von Speyer selbst oder doch eher sein Vertreter, Domherr Heinrich Hartard von Rollingen, den der Fürstbischof einsetzte – da er gleichzeitig in Trier Fürstbischof war und dort auch residierte und Speyer nur von seinem Stellvertreter leiten ließ –, darf zumindest angenommen werden. Ob Fürstbischof oder Domherr, Widerspenstige Neuenbürger wurden im Gefängnis so lange festgehalten, bis sie sich zur Huldigung entschieden.
Die Pfarrpfründe zog das Hochstift Speyer ein und übergab sie einem katholischen Geistlichen. Auf Bitten um Rückerstattung der Pfarrgüter gab der Bischof von Speyer den Neuenbürgern am 14. Januar 1707 den Bescheid, ihren Pfarrer selbst zu besolden, sofern sie denn einen wünschten. Ebenfalls bat der evangelische Pfarrer Rümelin von Oberöwisheim, man möge ihm doch das entzogene Pfarrgut zu Neuenbürg wiedergeben. Auch die Fürstin Albertina Sophia Esther, Tochter von Casimir von Eberstein, dem letzten männlichen Nachkommen der Ebersteiner, die gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Herzog Friedrich August von Württemberg-Neuenstadt, im Gochsheimer Schloss residierte, stellte, unterstützt von der Neuenbürger Bevölkerung, die ihren evangelischen Glauben beibehalten wollte, Forderungen auf Neuenbürg, das einst von ihrer Ebersteiner Familie gegründet wurde. Ebenso stellte Württemberg Forderungen auf Neuenbürg, da der Herzog unterstützt von seiner Gemahlin Albertina Sophia Esther, geborene Gräfin von Eberstein, Ansprüche geltend machte. Das Hochstift Speyer verweigerte jedoch rigoros die Rückgabe des Lehens.
Ein Protokoll über die Audienz einer Abordnung der Neuenbürger, geschrieben durch den Amtmann zu Gochsheim, Johann Nikolaus Eisenschmidt, im Namen der Gräfin Albertina Sophia Esther von Eberstein, zeigt auf, dass die Herzogin die Untertanen zu Neuenbürg im Schloss Gochsheim empfing, um deren Huldigung entgegenzunehmen. Die Dorfgemeinschaft von Neuenbürg war völlig verzweifelt und flehte und huldigte im Schloss zu Gochsheim die letzte Eberstein-Tochter untertänigst mit dem Versprechen der ewigen Treue, wenn sie doch nur unter dem protestantischen Schutz ihrer einstigen Gründungsdynastie, derer von Eberstein, bleiben dürften. Ebenso fand ein Zeugenverhör, das schriftlich dokumentiert wurde, im Schloss Gochsheim über die im Jahre 1661 von Bischof Lothar Friedrich von Speyer vorgenommene gewaltsame Okkupation des Dorfes Neuenbürg statt. Alles dies nützte letztendlich nichts, denn das Hochstift Speyer beharrte auf den 1298 mit Heinrich von Eberstein besiegelten Lehensvertrag über Neuenbürg. Alle Neuenbürger waren somit gezwungen, ihren evangelischen Glauben, den sie weit über 130 Jahre innehatten, abzulegen und den katholischen Glauben anzunehmen. Auf Anordnung des Hochstifts Speyer wurde fortan aus der evangelischen Kirche zu Neuenbürg eine rein katholische Kirche; gleichfalls wurden alle Pfarräcker dem Hochstift Speyer unterstellt. Ein Teil der Einwohner verließ damals Neuenbürg. Zur Durchsetzung der katholischen Lehre im Dorf wurden katholische Bauernfamilien des Umlandes nach Neuenbürg umgesiedelt. Freundschaften und Familien zerbrachen, jahrhundertealte Beziehungen zu protestantischen Nachbarorten waren zerstört.
Neuenbürg war nun wieder, wie einst vor der Reformation, ein rein katholisches Dorf. Vielleicht auch und gerade weil die Neuenbürger durch diese tragische und schicksalhafte Zeit gehen mussten, den Glauben von der Obrigkeit diktiert ohne eigene Mitbestimmung, war man hernach besonders gottesfromm und katholisch im Ort.
Als im Jahre des Herrn am 24. Mai 1728 die letzte der Gründerfamilie von Neuenbürg, die Herzogin Albertina Sophia Esther von Württemberg-Neuenstadt, geborene Gräfin von Eberstein, in Gochsheim starb, wurde das heimgefallene Lehen Neuenbürg vollständig eingezogen. Albertina Sophia Esther, geboren am 20. Mai 1661, und ihr Ehemann Herzog Friedrich August hatten gemeinsam 14 Kinder, von denen 4 tot zur Welt kamen und 7 weitere im Kleinkindalter verstarben. Das Fürstenpaar lebte sehr harmonisch, so wird berichtet, die meiste Zeit in Gochsheim. 1716 starb Friedrich August nach einer Kur in dem damals renommierten Badeort Zaisenhausen. Nach dem Tode ihres Mannes lebte die Herzogin bis zu ihrem Tode mit ihren beiden jüngsten Töchtern auf Schloss Gochsheim. Begraben wurde die Herzogin sowie auch ihr Gemahl in der Sankt-Martins-Kirche zu Gochsheim.
Die Gemeinde Neuenbürg stellt 1723 einen Antrag auf den Anspruch der örtlichen Steingrube. Im Jahre 1732 verleibte sich das Hochstift Speyer allen Wald der Gemeinde Neuenbürg ein, der einst der Herrschaft derer von Remchingen gehörte.
1 Johann Hugo von Orsbeck ergriff 1705 in Neuenbürg Maßnahmen zur Zwangsrückkatholizierung der evangelischen Bevölkerung: Evangelische Bewohner wurden ins Gefängnis gesperrt, bis sie huldigten und den katholischen Glauben annahmen, das Hochstift Speyer zog die evangelische Pfarrpfründe ein und setzte einen katholischen Pfarrer einund katholische Bauernfamilien aus der Umgebung wurden nach Neuenbürg umgesiedelt, um die katholische Mehrheit zu sichern. Trotz Protesten (z. B. von Fürstin Albertina von Eberstein) behielt Speyer das Lehen: die Kirche wurde rein katholisch, evangelische Ämter fielen weg und ein Teil der Bevölkerung floh.